Krankheitsbild Schmerzen

„In einem gesunden Körper ist ein gesunder Geist“

Grundsätzliches:

Jede Zelle unseres Körpers hat ein ideales Umfeld, welches zu einer individuellen idealen „Haltung“ führt. In dieser Haltung befindet sich jede Zelle des Körpers in dem ihr entsprechenden Gleichgewicht, sodass sie ihre Aufgaben optimal erfüllen kann.

Ein Gleichgewicht über die gesamten Strukturen des Körpers könnte daher tiefgreifende Auswirkungen haben auf die zelluläre und allgemeine Gesundheit.

Schmerzen Meridiane Zeichnung

Hierbei spielt das Bindegewebe eine besondere Rolle, da es jede Zelle mit ihrem Nachbarn verbindet und das innere Netzwerk jeder einzelnen Zelle mit dem Körper als Ganzem. Es dient als Leitungsbahn für Venen, Arterien, Lymphgefäße und Nerven sowie als Stützgewebe für Organe und Knochen und hat als schützende Struktur eine besondere Funktion.

Alle Körperfunktionen sind von gut funktionierenden myofaszialen Strukturen (Muskeln und Bindegewebe) abhängig. Das Nervensystem spielt eine koordinierende und kontrollierende Rolle. Bei jeder Bewegung ist immer der gesamte menschliche Organismus beteiligt.

Bei einem Ungleichgewicht entstehen Spannungsfelder im gesamten Organismus. Diese Spannungsfelder führen zu Störungen, welche als Unbehagen bzw. als Schmerz wahrgenommen werden. Länger anhaltende Störungen führen zu veränderter Psyche und Verhalten sowie zu muskulären Verhärtungen und Beeinträchtigungen in den Bewegungsabläufen. Diese Folgeerscheinungen lösen weitere Störungen aus. Dieser Kreislauf führt zu komplexen Krankheitsbildern, welche von den ursächlichen Störungen ablenken bzw. diese überdecken können.

So sind Schmerzen im Bewegungsapparat Folgen von Ungleichgewicht und Fehlfunktionen myofaszialer Ketten, die z.B. den Fuß mit dem Kopf verbinden.

Schmerz ist ein Warnsignal des Körpers und entsteht in Schmerzrezeptoren auf

  • thermischen Reiz (Kälte, Hitze)
  • mechanischem Reiz (Druck, Verletzung)
  • chemischen Reiz (Entzündung, Säure Gifte).

Wenn sie auftreten, gilt es die Ursache ausfindig zu machen und zu beseitigen.

Neurologische Schmerzsyndrome nach den Leitlinien der DGN:

Lumbale Radikulopathie (Nervenwurzelläsion im Bereich der Lendenwirbelsäule)

Definition und Epidemiologie

Rückenschmerzen stellen nach Kopfschmerzen das häufigste Schmerzsyndrom dar. In Deutschland verursachen Rückenschmerzen unterschiedlichen Berechnungen zufolge 15–30 % der Arbeitsunfähigkeitstage und 18 % aller Frühberentungen.

Die überwiegende Mehrheit der Patienten leidet an sog. unspezifischen Rückenschmerzen. Nach etwa 6 Wochen sind 90 % der Patienten mit akuten Rückenschmerzen wieder in der Lage, ihrer Arbeit nachzugehen, wohingegen Schmerzfreiheit nur bei 40–60 % erreicht wird.

Am häufigsten sind lumbale Radikulopathien Folge eines Bandscheibenvorfalles. Bei der Diagnostik muss jedoch sorgfältig auf eine Übereinstimmung von einer nachgewiesenen morphologischen Veränderung im CT/MRT mit der Klinik und dem Beschwerdebild geachtet werden, da über die Hälfte aller nachgewiesenen Diskushernien keinerlei Beschwerden machen.

Mit zunehmendem Alter wandelt sich der gallertartige Kern (Nucleus pulposus) in einen fibrösen Kern um und er verliert seine straffe Textur. Experimentell wurde gezeigt, dass eine mechanische Kompression der Nervenwurzel nicht zwingend Schmerzen verursachen muss. Somit gibt es neben der mechanischen Komponente noch weitere Pathomechanismen der Schmerzentstehung. Direkte Hinweise auf eine entzündliche Komponente lieferte der Versuch, welcher zeigte, dass auch ohne eine mechanische Kompression tierexperimentell eine Nervenwurzelschädigung nur durch lose Auflage von Bandscheibengewebe auf die Nervenwurzel hervorgerufen werden kann.

Der lokale Kreuzschmerz wird bei einem medianen Bandscheibenvorfall durch Druck auf das hintere Längsband ausgelöst und kann isoliert ohne Beinschmerz vorhanden sein. Der Beinschmerz entsteht durch die Kompression und die entzündliche Reaktion der Nervenwurzel.

Spezifische Kreuzschmerzen werden durch klar definierte Ursachen ausgelöst und erfordern eine spezifische, zum Teil fachübergreifende Therapie. Als häufigste Ursachen kommen im Bereich der Lendenwirbelsäule neben Bandscheibenvorfällen knöcherne degenerative Veränderungen vor.

Seltener können Wurzelschädigungen auch von lokalen Raumforderungen ausgehen (Tumoren, Knochenmetastasen) oder von intraspinalen Prozessen (z. B. Ependymome, epidurale Blutungen, epidurale Lipomatose), von entzündlichen Veränderungen (Spondylodiszitis, Lyme-Radikulitis, Zoster, GBS, epiduraler Abszess) oder im Rahmen einer Meningeosis carcinomatosa.

Ein Sonderfall ist die Claudicatio caudae equinae bei einem primär oder sekundär engen Spinalkanal mit gehstreckenabhängigen ein- oder beidseitigen Schmerzen und ggf. zusätzlichen sensomotorischen Ausfällen. Typischerweise Bestehen in Ruhe und im Sitzen keine Beschwerden. Jede mit einer Hyperlordosierung verbundene Haltung führt zu einer Zunahme der Lumbalkanalstenose und damit zu einer Schmerzverstärkung, wohingegen eine LWS-Kyphosierung eine Schmerzlinderung zur Folge hat. Während bei der vaskulären Claudicatio intermittens bloßes Stehenbleiben zur Schmerzlinderung führt, ist bei der Claudicatio spinalis daher zusätzlich eine Veränderung der Wirbelsäulenposition notwendig – typischerweise Absitzen oder Vornüberbeugen.

Eine strikte Abgrenzung der lumbalen Wurzelschädigung von Kreuzschmerzen, die radikulär anmuten und in die Beine ausstrahlen können, jedoch eine andere Genese aufweisen, ist notwendig. Es handelt sich dabei um sog. pseudoradikuläre Syndrome. Der neurologische Untersuchungsbefund ist hierbei jedoch meist unauffällig. Ursachen sind in der Regel orthopädische Erkrankungen (Coxarthrose, Gonarthrose, Facettensyndrom, Ileosakralgelenksyndrom, Kokzygodynie, Piriformis-Syndrom, osteoporotische Wirbelkörperfrakturen, Tendomyopathien bei Überlastungen oder Muskelzerrungen), gelegentlich auch primäre Muskelerkrankungen, die häufig mit Lumbalgien und ausstrahlenden Schmerzen einhergehen können.

Symptome und Verlauf

Prinzipiell unterscheidet man einen Kreuzschmerz von einem Beinschmerz, da ein Beinschmerz, bzw. ein provozierter Beinschmerz ein guter klinischer Indikator für einen Bandscheibenvorfall ist. Akut oder subakut auftretende einschießende Schmerzen oder Kribbelmissempfindungen im Ausbreitungsgebiet einer Nervenwurzel fehlen nur selten. Sensibilitätsstörungen im entsprechenden Dermatom, (der Nervenwurzel entsprechendem Hautareal) motorische Ausfälle der Kennmuskeln und ggf. Reflexausfälle können je nach Schweregrad hinzukommen. In der Mehrzahl der Fälle bestehen ein mitunter nur einseitiger paravertebraler Hartspann, ein Klopf- oder Druckschmerz über der Wirbelsäule, ein Husten-, Press- und Niesschmerz und positive Nervendehnungszeichen.

Fehlen Nervendehnungszeichen und besteht ein besonders nächtlich auftretender und therapieresistenter Schmerz, der nicht durch LWS-Bewegung beeinflussbar ist, sollte immer an eine Radikulitis (Borrelien, Herpes zoster) oder einen Tumor gedacht werden.

Klinische Untersuchung

Sorgfältige Anmneseerhebung

  • was, wann, wie, wo, wodurch?
  • Hinweise für Traumata, Frakturen, Infektionen
  • Differenzierung: Rückenschmerz und/oder Beinschmerz und Ruheschmerz/bewegungsinduzierter Schmerz
  • Erhebung der psychischen und sozialen Anamnese (Chronifizierungsgefahr)

Klinisch-neurologische Untersuchung

  • Inspektion (Zoster-Effloreszenzen), Beachtung der Form, Klopfschmerzhaftigkeit und Bewegungseinschränkung der Wirbelsäule
  • Nervendehnungszeichen
  • Druckschmerzhaftigkeit der Valleix-Punkte
  • Untersuchung der Kraft der Kennmuskeln
  • Untersuchung der Oberflächensensibilität (meist deutlich weniger ergiebig als die motorische Testung)
  • Untersuchung der Muskeleigenreflexe an den Beinen. Sie sind bei Nervenwurzelaffektion meist abgeschwächt oder erloschen, gelegentlich können sie jedoch trotz eindeutiger radikulärer Symptomatik auch normal auslösbar sein.

Neuroorthopädische Untersuchung

  • Finger-Boden-Abstand, Schober-Zeichen
  • Seitneigungsschmerz (oft positiv bei lateralen und extraspinalen Diskushernien)
  • Reklinationsschmerz (oft positiv bei Spinalkanalstenose und/oder Facettensyndrom)
  • Klopfschmerz über LWS (Spondylodiszitis, Tumor, Osteoporosefraktur)
  • Laboruntersuchungen
  • Bildgebung (Röntgen der LWS, ggfs. MRT, CT, Myelo-CT)
  • Neurophysiologische Untrsuchungen (ENG, EMG, SSEP, MEP)

Die Säulen der Therapie sind: Aufklärung, Rückenschule und Bewegungstherapie, physikalische und manuelle Therapie, Pharmakotherapie und ggfs. invasive bzw. operative Verfahren. Verhaltenstherapie sowie eine multimodale (interdisziplinäre) Schmerzbehandlung sind bei Entwicklung eines chronischen Schmerzes angezeigt.

Aufklärung und Beratung

Bei erhaltener Mobilität steht am Anfang die Aufklärung des Patienten und die Aufforderung, zu normalen Aktivitäten zurückzukehren.

Entlastung und Ruhigstellung sind für Patienten mit Lumbalgien in der Akutphase nicht empfehlenswert, da hierfür kein sicherer Therapieeffekt nachgewiesen wurde; auch für Patienten mit radikulären Syndromen ist eher Physiotherapie und Aktivität spätestens 4 Tage nach dem akuten Ereignis angezeigt. Bettruhe von mehr als 4 Tagen ist nicht empfehlenswert.

Bei schmerzbedingter Immobilität, wie sie häufig zu Beginn eines lumboradikulären Kompressionssyndroms auftreten kann, ist eine frühzeitige und konsequente Schmerztherapie mit NSAR, Muskelrelaxanzien und ggf. auch Opiaten unter Kontrolle des Neurostatus notwendig. Sofern ambulante Therapieresistenz besteht oder die neurologischen Defizite zunehmen, wird eine akutstationäre Krankenhauseinweisung notwendig

Physikalische Maßnahmen

In der Anfangsphase wurde ein positiver Effekt von lokalen Wärmeanwendungen gefunden, bei chronischen Rückenschmerzen konnte die Wirksamkeit bisher nicht nachgewiesen werden. Bewegungstherapie im Wasserbad, Entspannungsübungen und Lockerungsübungen sind nicht eindeutig bewertet.

Massage und Elektrotherapie

Bei stark begrenzter Datenlagen gibt es Hinweise darauf, dass eine Kombination von Massage mit Bewegungstherapien bei subakuten und chronischen Rückenschmerzen hilfreich sein kann. Bei der akuten Radikulopathie mit ausgeprägtem Lokalsyndrom mit paravertebralem Hartspann ist unter empirischen Gesichtspunkten eine Kombination von Elektrotherapie und Bindegewebsmassage zur Normalisierung des Muskeltonus und somit zur Schmerzreduktion sinnvoll.

Prinzipiell ist aber, sobald der Patient ein ausreichendes Maß an Mobilität erreicht hat, aktiven Therapien wie Muskelaufbau und Ausdauersport der Vorzug zu geben.

Funktionelle Magnetstimulation:

In unserer Praxis behandeln wir akute und chronische Rückenschmerzen erfolgreich mit der fMS.

Physiotherapie und Rückenschule

Bei akuten Rückenschmerzen mit Beinschmerzen ist Bettruhe oder die Durchführung von Physiotherapie nicht besser als die Weiterführung der Aktivitäten des täglichen Lebens. Bei schmerzbedingt eingeschränkter Mobilität ist unter empirischen Gesichtspunkten eine gezielte Physiotherapie zur Korrektur der Fehlhaltung und Muskeltonuserhöhung hilfreich. Auf den Schmerz und den Funktionsstatus hat die Physiotherapie wenig Einfluss.

Da die Konzepte sehr unterschiedlich sind, ist eine abschließende Bewertung letztendlich nicht zu treffen. In Analogie zum unspezifischen akuten Rückenschmerz sollte beim spezifischen Rückenschmerz Physiotherapie zur Anwendung kommen. Kontrollierte Bewegungsübungen (d.h. Übungen, die der Patient nach kurzer Anleitung durch einen Physiotherapeuten oder nach schriftlicher Anleitung selbst durchführt) sind vor allem bei chronischen Rückenschmerzen zur Funktionsverbesserung angezeigt. Sie sind aber auch bei subakuten Beschwerden wirksam.

Unter Rückenschule hingegen versteht man ein präventives Training der Rückenmuskulatur für rezidivierende Kreuzschmerzen sowie ein sinnvolles rückenschonendes Verhalten im Alltag. Es ergeben sich Hinweise für eine Besserung von Schmerz und Funktion vor allem bei rezidivierenden und chronischen Rückenschmerzen. Die Rückenschule sollte daher insbesondere beim Übergang eines akuten Rückenschmerzes mit Beinschmerzen in ein chronisches Stadium zur Anwendung kommen.

Verhaltenstherapie

Aufgrund der Interaktion von somatischen und psychischen Faktoren bei der Schmerzentstehung und -unterhaltung ist es vor allem bei chronischen Rückenschmerzen ein vorrangiges Ziel, durch die Beeinflussung der kognitiven Prozesse eine Symptombesserung zu erreichen. Häufig werden diese Verfahren mit medikamentöser Therapie und Physiotherapie kombiniert. Der Patient wird dabei über Art und Entstehung der Erkrankung aufgeklärt, angstmotiviertes Vermeidungsverhalten soll abgebaut und ein gestuftes Aktivitätsprogramm unter Nutzung verhaltenstherapeutischer Vorgehensweisen aufgebaut werden. Ziel ist nicht die Schmerzbeseitigung, sondern das Erreichen einer verbesserten Schmerzbewältigung und eines höheren Funktionsniveaus.

Wir setzen in der Praxis Biofeedbacktherapie ein.

Medikamentöse Therapie:

Pharmakotherapie der Rückenschmerzen infolge einer lumbalen Radikulopathie:

  • Nicht-Opioid-Analgetika
    • ​Paracetamol
    • NSAR
    • Ibuprofen
    • Indometacin
    • Naproxen
    • Andere Analgetika
    • Metamizol
  • Schwach wirksame Opioide
    • Tramadol
    • Tramadol retard
    • Tilidin + Naloxon
    • Tilidin + Naloxon ret.
  • Stark wirksame Opioide
    • ​Morphin ret.
    • MSR Mundipharm
    • Capros (ret.)
    • Oxycodon
    • Fentanyl transdermal
    • Buprenorphin transdermal
    • Buprenorphin sublingual

Myotonolytika

  • Tizanidin
  • Methocarbamol

Antidepressiva

  • Amitriptylin
  • Clomipramin
  • Doxepin
  • Imipramin
  • Duloxetin

Operative Therapie:

Indikationen

Anhaltende Kreuzschmerzen ohne radikuläre Symptomatik sind keine Indikation für eine Operation. Prinzipielles Ziel der Dekompressionsoperation ist neben der Besserung des sensomotorischen Defizits die Besserung der Schmerzsymptomatik. Die Beinschmerzen sind hierbei deutlich besser zu beeinflussen als die Rückenschmerzen. Bei chronischen Kreuzschmerzen ist eine Operation nur selten angezeigt, zumal es keine eindeutigen Hinweise dafür gibt, dass ein operatives Vorgehen den konservativen Maßnahmen überlegen ist und auch das Operationsrisiko mit einbezogen werden muss.

Absolute Indikationen für eine Operation

  • Kauda-Syndrom mit akuter Paraparese bei Massenvorfall oder pathologischer Wirbelkörperfraktur
  • Blasen- und Mastdarmlähmungen
  • progrediente und akut aufgetretene schwere motorische Ausfälle (schlechter als KG 3/5)

Relative Indikation

trotz ausreichender intensiver konservativer Maßnahmen (in der Regel über 6 Wochen) nicht ausreichend therapierbare Schmerzen bei passender klinischer Symptomatik und zur Klinik passender bildmorphologisch gesicherter Wurzelkompression.

Was gibt es Neues?

Lumbale Bandscheibenvorfälle bei Gesunden finden sich kernspintomografisch bei 20–30 % der unter 60 Jahre alten Probanden und bei > 60 % der über 60 Jahre alten Menschen.

Chronifizierte Rückenschmerzen ohne radikuläre Ausstrahlung sind durch operative Maßnahmen in der Regel nicht besserungsfähig

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

  • keine Bettruhe, sondern leichte bis mäßige Belastung
  • frühzeitig und ausreichend analgetische Therapie mit NSAR, muskelrelaxierenden Medikamenten; bei starken Schmerzen kurzfristig Opioide
  • bei schmerzbedingter, ambulant nicht therapierbarer Immobilität und „Red-Flag"-Symptomen ist die akutstationäre Krankenhauseinweisung notwendig.
  • frühzeitige Operation bei progredienten Paresen oder Blasen-Mastdarm-Störungen
  • elektive Operation bei erfolgloser konservativer ambulanter und/oder stationärer Therapie bei gesicherter morphologischer Ursache der Schmerzsymptomatik
  • Bei Entwicklung chronischer Schmerzen ist eine Kombination mit Physiotherapie und psychotherapeutischen Verfahren (Verhaltenstherapie, Schmerzbewältigungsprogramme) angezeigt.
  • Beim Übergang vom akuten in einen chronischen Schmerz können auch bei der lumbalen Radikulopathie schmerzdistanzierende (Antidepressiva) und membranstabilisierende Medikamente (Antiepileptika) in Analogie zu anderen Schmerzsyndromen und Neuralgien eingesetzt werden .

Zervikale Radikulopathie (Nervenwurzelläsion im Bereich der HWS)

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick:

  • frühzeitig Physiotherapie mit Mobilisation und Stabilisation
  • frühzeitig und ausreichend analgetische Therapie mit NSAR sowie muskelrelaxierenden Medikamenten
  • Operation bei rasch progredienten Paresen
  • bei chronischen Schmerzen multimodales Behandlungskonzept mit Physiotherapie, analgetischer Therapie und Entspannungstechniken (Verhaltenstherapie, Schmerzbewältigungsprogramme)

Einführung

Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) mit Ausstrahlung nach okzipital und in die Schulter-Arm-Region stellen ein weit verbreitetes Problem dar. Dabei wird unterschieden zwischen akut auftretenden Wurzelreiz- und/oder Wurzelausfallsyndromen und chronischen Zervikobrachialgien. Die degenerativen Veränderungen betreffen vor allem die unteren HWS-Abschnitte.

Die radiologisch erhobenen Befunde in der Nativ- und Schnittbilddiagnostik (CT, MRT) korrelieren nur teilweise mit den klinischen Befunden. Die Therapiemöglichkeiten der akuten und chronischen Formen unterscheiden sich insoweit, dass ein operatives Vorgehen eher bei akuten Beschwerden radikulärer Genese infrage kommt, wohingegen bei chronischen Störungen eher ein konservatives, multidisziplinäres Vorgehen unter Einbeziehung pharmakologischer, physiotherapeutischer und psychosomatischer Methoden angeraten ist.

Definition und Klassifikation

Klinische Voraussetzung für das Vorliegen einer zervikalen Wurzelschädigung sind Symptome und Beschwerden, die einer zervikalen Nervenwurzel zuzuordnen sind. Dabei werden Wurzelreiz- (ohne Sensibilitätsstörung oder Lähmung im Bereich der jeweiligen Wurzel) und Wurzelkompressionssyndrome (mit Sensibilitätsstörung und/oder Lähmung im Bereich der jeweiligen Wurzel) unterschieden.

Als Ursachen für die Radikulopathien im HWS-Bereich finden sich neben Bandscheibenvorfällen (häufiger bei jüngeren Patienten) auch degenerativ-knöcherne Veränderungen mit Einengung der Foramina intervertebralia (häufiger bei älteren Patienten). Daneben sind lokale Raumforderungen wie Tumoren (z. B. Knochenmetastasen, Ependymome, Meningeome), Hämatome und entzündliche Veränderungen (Abszesse, Spondylodiszitis, Borreliose, Zoster) ursächlich. Pseudoradikuläre Syndrome bei orthopädischen Erkrankungen, z. B. des Schultergelenkes, müssen von zervikalen Radikulopathien abgegrenzt werden, was besonders bei Wurzelreizsyndromen nicht immer trivial ist.

Bei den meisten Radikulopathien kommt es zu erheblichen Veränderungen im Bereich der HWS mit einer Steilstellung, einem paravertebralen muskulären Hartspann, einem lokalen Klopf- oder Druckschmerz über der Wirbelsäule sowie zu einer Zunahme der Beschwerden bei Drehung oder Neigung des Kopfes nach hinten und/oder zur betroffenen Seite. Zusätzlich können ein Husten-, Press- und Niesschmerz sowie andere Nervendehnungszeichen auftreten.

Neben der Notwendigkeit der klinisch neurologischen Untersuchung und der Anamneseerhebung können bei spezifischen Patientengruppen folgende Empfehlungen zur Durchführung von bestimmten diagnostischen Verfahren ausgesprochen werden:

  • MRT zur Suche nach einer Wurzelkompression, Raumforderung oder entzündlichen Veränderungen.
  • Zur differenzierten radiologischen Abklärung wird eine CT in Dünnschichttechnik, ggf. mit knöcherner Rekonstruktion zur Darstellung insbesondere knöcherner Veränderungen im Abgangsbereich der Nervenwurzel, oder eine Myelo-CT-Untersuchung empfohlen.
  • bei gezielter Fragestellung (z. B. Instabilität, Spondylodiszitis):
    Hier kann eine Nativaufnahme (HWS Röntgen in 2 Ebenen) an das MRT angeschlossen werden.
  • bei länger persistierenden Beschwerden zur Erkennung und Gradierung von Paresen:
    EMG aus den Kennmuskeln unter Einbeziehung der paravertebralen Muskulatur
  • Abgrenzung vor allem gegenüber Plexusneuritiden (neuralgische Schultermyatrophie)
  • bei klinischem Verdacht: Basislabor mit Entzündungsparametern (Spondylodiszitis)
  • bei klinischem und anamnestischem Verdacht: Serologie, ggf. Liquordiagnostik: Radikulitis bei Borreliose, Zoster, Infektion mit Myobacterium tuberculosis, Meningeosis carcinomatosa

Allgemeine Empfehlungen zur Therapie

Bis auf die klinischen Manifestationen zervikaler Bandscheibenvorfälle ist die Therapie geprägt von einem multimodalen, interdisziplinären konservativen Vorgehen.

Medikamentöse Therapie

Aufgrund der ausgesprochen schwachen Evidenzlage zur oralen Medikation bei zervikaler Radikulopathie wird empfohlen, sich am Stufenschema zur Behandlung von Schmerzen der WHO zu orientieren (WHO 1996). Im Regelfall reichen Analgetika (z. B. Paracetamol 2–3 x 500–1000 mg/d, maximal 4 g/d) zur Schmerzregulierung bei zervikaler Radikulopathie aus. Seltener müssen nicht steroidale Antiphlogistika eingesetzt werden (z. B. Ibuprofen 400–800 mg alle 6–8 h [maximal 2400 mg/d] oder Diclofenac 50–100 mg alle 8 Stunden [maximal 150 mg/d]). Bei Versagen auch höherpotente Analgetika (z. B. schwach wirksame Opioide wie Tramadol 100–200 mg alle 6–8 h [maximal 600mg/d] oder stark wirksame Opioide wie Fentanyl transdermal 12,5–75 µg/h).

Andere Therapien

  • Bei chronischen Schmerzen (Schmerzen über 6 Monate) multimodale und multidisziplinäre Therapie mit
    • Analgetika, trizyklischen Antidepressiva, selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern oder Gabapentin/Pregabalin
    • Physio- und Sporttherapie (Jordan et al. 2011)

behaviorale Psychotherapie (Eccleston et al. 2009) mit Entspannungsverfahren, Techniken der Krankheitsverarbeitung und Stressbewältigung.

Wir behandeln in unserer Praxis erfolreich diese Patienten mit der fMS.

Operative Therapie

Indikationen:

  • absolute Indikation: progrediente, funktionell relevante motorische Ausfälle (schlechter als Kraftgrad 3/5)
  • relative Indikation: trotz ausreichender intensiver konservativer Maßnahmen über 8–12 Wochen nicht therapierbare Schmerzen, abhängig vom Leidensdruck der Patienten